Der Media-Wolf hetzt die Meute (Ein Theaterstück in 3 Akten)

(Ein spannender Krimi auch für alle, die nicht im Mediamarkt verwurzelt sind.)

 

1. Akt

Die Mediaagenturen von Martin Sorrells WPP-Gruppe, als da wären: Mediacom, MEC (MediaEdgeCIA), Mindshare und Maxus, gründen die gemeinsame Einkaufstochter GroupM. Es ist ein Monstrum mit ungeheurer Marktmacht. Im Jahre 2010 wird der Media-Riese lt. RECMA Kundenbillings in Höhe von über 6 Milliarden Euro auf sich vereinen - und damit gut 40% der Gesamtumsätze des deutschen Mediaagentur-Marktes. GroupM betreut ein Werbevolumen - so groß wie das der nachfolgenden drei Wettbewerber zusammen.

Als sie damals gemeinsam zum Kartellamt marschieren, melden sie ihre GroupM - sehr clever - nicht in Berlin, sondern gleich in Brüssel an. Denn europaweit ist eine marktbeherrschende Stellung (noch) nicht zu erkennen.

Mit dieser Größe und Einkaufsmacht ausgestattet, mischt GroupM den deutschen Agenturmarkt auf. Gegen sie im Pitch zu bestehen, ist schier unmöglich. GroupM bestimmt fortan die Konditionen im deutschen Mediamarkt. Sehr zur Freude ihrer immer zahlreicher werdenden Kunden. Denn den Einkauf von Werbeplätzen, von TV-Spots und Anzeigen, macht der neue Großhändler GroupM für ihre Kunden immer preiswerter.

Das Nachsehen haben die Medien, die von der Agenturgruppe zu immer mehr Zugeständnissen, sprich Rabatten, bewegt werden. Das Nachsehen haben jedoch vor allem die Wettbewerber im Agenturmarkt: Aegis, Omnicom, Vivaki und Interpublic.

GroupM wird damit zum Feindbild eines ganzen Marktes: The Devil in Disguise. Der Teufel höchstpersönlich…

 

2. Akt

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2012. Längst hat die GroupM eine neue Tochter an den Start gebracht: Xaxis. Sie positioniert sich als Plattform für den Einkauf von Kundendaten, als „audience buying company“. Zudem beginnt GroupM offensiv mit dem Ankauf von Medien-Werbeplätzen, die sie in Eigenregie vermarkten. Sie nennen es Trading. Vollmundig, fast großkotzig, fordern sie die Medien auf, ihnen ihre vormals eigene Vermarktung in die Hand zu geben.

Der gesamte Markt bebt. Er tobt. Die Wettbewerber sind entsetzt. Dieses „Trading“ ist in aller Munde, wird von allen anderen Agenturen verteufelt (aber dennoch ebenso betrieben), von den Werbekunden öffentlich abgelehnt (aber hinter verschlossener Tür vehement gefordert). Denn Trading durch Agenturen stellt zwar die Machtverhältnisse im Markt auf den Kopf, erweist sich jedoch als willkommenes, neues Mittel zur weiteren Senkung der Medienpreise.

Für die meisten Marktteilnehmer ist eins jedoch klar: Das Wachstum der GroupM muss irgendwann ein natürliches Ende finden. Zumal die Konditionen bei den Medien längst ausgereizt sind. Bald würde die Konzentration der GroupM auf den Mediaeinkauf zu ihrem Nachteil ausschlagen. Die hohe Kunst der strategischen Beratung und der intellektuellen Mediaplanung würde wieder in den Vordergrund rücken. Dann würde die Stunde der Agenturen um Aegis, Omnicom, Vivaki und Interpublic schlagen.

Es kommt ganz anders. Innerhalb weniger Wochen meldet GroupM den Gewinn der (von ihr noch nicht betreuten) Planungsetats von Procter & Gamble und den Gesamtauftrag von L’Oréal und Ratiopharm. Damit, so spekuliert „Werben & Verkaufen“, dürfte der Marktanteil der Agentur auf über 50% anwachsen.

Der Markt ist sprachlos. Nicht jedoch Markus Biermann, Inhaber von Crossmedia, eine der wenigen verbliebenen, unabhängigen Mediaagenturen. Er sieht unter der Marktmacht von GroupM gar die Meinungs- und Pressefreiheit leiden.

Wie konnte das passieren? Die Planungsetats des weltgrößten Werbekunden Procter & Gamble sind seit Äonen zwischen Starcom und der zur GroupM gehörenden Mediacom aufgeteilt. P&G ist jedoch gewiss nicht durch Einkaufsvorteile (den Einkauf besorgt GroupM ohnehin bereits) bewegt worden, alle seine Etats auf Mediacom zu konzentrieren. Sondern vermutlich durch überlegene Mediaplanung und Zielgruppenansprache. Wer P&G kennt, wird mir zustimmen.

Im Pitch um L’Oréal ist es wohl ebenfalls in erster Linie um strategische Aufgabenstellungen gegangen. (Wer die Einkaufskonditionen von L’Oréal kennt, weiß, dass es am bisherigen Mediaeinkauf wenig zu bemängeln gab.)

Da ich als Starcom-CEO jahrelang (erfolgreich) Mediacom zum direkten Wettbewerber um die P&G-Etats hatte, weiß ich eins: Weder Mediacom, noch ihre GroupM haben plötzlich die Mediaplanung aufrüsten müssen. In Sachen Strategie und Mediaplanung zählt Mediacom zur absoluten Spitze in Deutschland - und das bereits seit den 70er Jahren. Die Wettbewerber wollten es nur nicht wahrhaben und suhlten sich in ihren Angriffen auf den bösen Erz-Feind und Einkaufs-Marktführer.

In Wirklichkeit hat die GroupM-Truppe um CEO Jürgen Blomenkamp die Qualität und Stärke von Mediacom & Co. in punkto Mediaplanung immer weiter ausgebaut. Und wieder haben die Wettbewerber das Nachsehen…

 

3. Akt

Wir schreiben das Jahr 2015. Die GroupM ist zerschlagen. Die klagenden Wettbewerber haben vor dem Kartellamt Recht bekommen. Das Gericht ordnet an, dass jede der GroupM-Einzelagenturen fortan ihren Mediaeinkauf selbst besorgen muss. Ein Pyrrhus-Sieg für die Wettbewerber: Um künftige Streitigkeiten zu vermeiden, beschließt nämlich das Kartellamt, sämtliche Einkaufsholdings im Mediamarkt zu verbieten.

Jetzt ist zwar nicht mehr GroupM Marktführer, dafür jedoch mit großem Abstand deren WPP-Tochter Mediacom. Genau die Agentur, die 2012 schon Procter & Gamble und L’Oréal gewonnen hatte.

Inzwischen haben alle Mediaagentur-Wettbewerber auf ihre Rendite verzichtet und ihre bis dato schwächelnde Mediaberatung und Planungsqualität ausgebaut. Im Markt herrscht wieder Wettbewerb. Um die besten Mediapläne. Und um die besten Köpfe.

Da Werbekunden inzwischen die strategische Mediaberatung und Mediaplanung besser honorieren als den buchhalterischen, rein taktischen Mediaeinkauf, sprießen von überall her neue Mediaagenturen aus dem Boden. Junge Mediaplaner machen sich selbständig und mischen den Markt mit frischen Ideen auf. Eine der neuen Agenturen gibt sich den Namen „Pirate Media“…

Der Wettbewerb blüht. Werbekunden haben nicht mehr nur fünf riesige Networks vor sich, sondern eine Vielzahl großer und auch wieder zahlreicher, unabhängiger Mediaagenturen, die sich für ihre Kunden die Beine ausreißen.

 

Ende der Aufführung.

 

Nun heißt es: Finde den Fehler! Der 1. Akt ist ohnehin längst Geschichte. Der 2. Akt beschreibt unsere Media-Gegenwart in ihrer aktuellsten Fassung. Nur in den 3. Akt kann man noch eingreifen. Der aber ist pure Phantasie. Purer Blödsinn. Absoluter Unfug. Oder?

 

 

 

Kreation und Media zusammen? Ihr spinnt ja...

Jüngst forderten Frank Lotze und Manfred Kluge, die Chefs von BBDO und ihrer Mediaagentur OMD, eine Renaissance des „Full-Service-Pitches“. http://www.horizont.net/aktuell/agenturen/pages/protected/show.php?id=106727 Horizont griff das Thema auf und befragte dazu die Marketing- und Mediachefs von Telekom, Nestlé, Danone, Sparkassen und Opel. Und, was soll ich Ihnen sagen: Die Herrschaften waren „not amused“. Sehr wohl bestanden sie jedoch auf einer engen Zusammenarbeit beider Disziplinen.

Hier werden zwei völlig verschiedene Dinge durcheinander gebracht. Der Vorstoß von BBDO/OMD war scheinheilig und etwas sehr durchsichtig. Natürlich würden sie wahnsinnig gern zusammen pitchen - und gemeinsam gewinnen. Denn das erhöht die Zahl der Pitches, senkt den Aufwand und erhöht die Effizienz. Wenn ihnen das bislang nicht gelungen ist, dann muss wohl immer einer der beiden Agenturen den gemeinsamen Erfolg bisher versemmelt haben. Dass das deren Problem ist - und die Kunden gern selber entscheiden möchten, mit wem sie zusammenarbeiten, drücken die Unternehmensvertreter mit ihrer Reaktion nur allzu deutlich aus.

Ob und wie Kreation und Media zusammenarbeiten, ist dagegen ein völlig anderes Thema. Hierzu folgende Anekdote: Kürzlich erzählte mir der CEO einer (sehr) großen Kreativagentur, dass er den Chef seiner Network-Mediaagentur nach fünf Jahren zum ersten Mal überhaupt zu Gesicht bekam. Dazu muss man wissen, dass sie im gleichen Gebäude arbeiten…

An dieser Stelle könnte ich eigentlich aufhören zu schreiben. Denn damit ist das Dilemma hinreichend beschreiben. Aber bohren wir noch ein wenig in der Wunde.

Ich will nicht in die Vergangenheit abtauchen und schildern wie es damals war, als es noch Full-Service-Agenturen - also Kreation und Media unter einem Dach - gab. Oder warum es zur Trennung kam. Und das nur, weil ich zu den wenigen gehöre, die das noch persönlich erlebt haben. Denn es geht nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft der Kommunikation und des in die Tage gekommenen Agentur-Geschäftsmodells.

Kreation und Media wieder zusammenführen zu wollen, ist ein anachronistischer Unsinn. Denn daraus entstünden bessere, einzigartigere und erfolgreichere Konzepte und Kampagnen. Und die will ja nun wirklich niemand heraufbeschwören. Doch nicht in einer Zeit, in der endlich Rabatte und CpO-Deals unser Tagesgeschäft bestimmen und einzig die Renditen incentiviert werden. Der Weg dorthin war mühsam genug. Erfolgreichere Kampagnen würden ja alles komplett auf den Kopf stellen. Man müsste wieder an der Wirksamkeit der Kampagnen feilen und stattdessen den Marketing- und Werbeerfolg incentivieren. Aber dazu fehlen gottseidank noch die Modelle…

Viele Agenturen müssten sich womöglich erstmals in die digitalen Medien einarbeiten. Bisher waren alle damit zufrieden, dass ihnen spezialisierte Digital-Agenturen dieses „schmutzige“ Geschäft mit Klicks und Search abnahmen. Und dass die Kunden damit die Koordinierung von mindestens vier verschiedenen Spezialagenturen (Kreation, Media, Digital, PR) zu stemmen hatten - das sind sie selber schuld.

Aber es käme noch schlimmer: Wer will denn schon, dass diese vier Disziplinen gemeinsam an einer zentralen Leitidee arbeiten? Unter einer einzigen Dachidee ihre Konzepte entwickeln. Bloß nicht. Integrierte Kommunikation ist ja so was von 90er. Nein, da ist es doch viel lustiger zuzusehen, wie vier Agenturen völlig ungeniert und unkoordiniert vier verschiedene Wege gehen. Nicht auszudenken, wenn beim Endverbraucher eine einzige Markenbotschaft und Vision ankäme. Wenn Botschaften gar Medien zugeordnet und Medien nach ihrer kommunikativen Rolle eingesetzt würden. Nein, dafür ist der Markt - und erst recht die Zielgruppe nicht reif. Wir müssen ihnen noch Zeit lassen…

Aber Spinner gibt es immer wieder. Auf dem Festival of Media in Montreux erinnerte der Chief Marketing Officer von PepsiCo, Salman Amin, daran: „Marketing is about stories and relationships, not just digitally driven transactions“. Gut, dass das niemand gehört hat. Diese Revoluzzer bringen noch alles durcheinander. Gerade hatten wir es uns mit unseren Rabatten, KPIs, CpOs und Tracking-Modellen auf der digitalen Couch bequem gemacht, da kommt er nun und erzählt etwas von „stories and relationships“. Steinigt ihn!

Bitte, liebe Agenturen und Werbekunden: Lasst alles, wie es ist. Ändert nichts. Kommt bloß nicht auf die verwegene Idee, Kreation, Media und Digital zusammenzuführen. Erschwert die Zusammenarbeit der Disziplinen, wo ihr nur könnt. Nur so konnten wir alle so satt, zufrieden, bequem und selbstverliebt werden. Und nur so können wir es auch bleiben…

 

 

 

 

 

Wer möchte mein Leitmedium sein?

Wer ist eigentlich aktuell das Leitmedium? Wer möchte es werden? Wer möchte es bleiben? Und was hat man eigentlich davon, ein Leitmedium zu sein?

„Das Fernsehen bleibt Leitmedium“ zitiert 2009 FocusOnline den Ex-ARD-Vorsitzenden Fritz Raff. Weil es täglich fast alle erreicht.

„Fernsehen bleibt Leitmedium“ meint auch HeiseOnline im September 2010 und kommentiert die Nutzungsdauer der Medien lt. ARD-/ZDF-Langzeitstudie „Massenkommunikation“.

„Das Internet ist zum Leitmedium der modernen Informations-  und Wissensgesellschaft geworden.“ Das sagte der damalige Bundesminister zu Guttenberg im April 2009. Weil es, wie er meinte, von zwei Dritteln der Bevölkerung und fast allen Unternehmen genutzt wird.

Angela Merkel sagte dagegen im September 2011 vor den Zeitungsverlegern: „Printmedien bleiben das politische Leitmedium.“

Noch 2010 fragte das Hans-Bredow-Institut kritisch, ob „das Internet die Funktionen von Presse und Rundfunk beeinflusst oder substituiert und künftig die Funktion eines Leitmediums übernehmen kann.“

Im FAZ-Blog „Netzökonom“ titelt Holger Schmidt im Dezember 2008 „Das Internet wird zum Leitmedium“, meint damit das Wachstum der Internetnutzung - und fast zwei Jahre später, im Oktober 2010, „Das Internet auf dem Weg zum Leitmedium“, meint aber diesmal den Anteil an der Medienzeit.

Und zu allem Überfluss stellt im Februar 2010 die NZZ im Extrablog die Frage, ob nicht auch Google und Facebook zu den neuen Leitmedien zählen, wenn sich Leitmedien über Reichweite und Meinungswirkung definieren.

Na großartig… Das ist ja ein feines Durcheinander. Auf jeden Fall kommt man zum Schluss, dass es eine besondere Ehrung sein muss, zum Leitmedium erklärt zu werden. Nobelpreis und Oscar sind nichts dagegen. Was aber ein Leitmedium auszeichnet, ist nicht wirklich klar.

Ein Leitmedium scheint sich über seine Reichweite und Nutzungsintensität zu definieren. Man liest aber auch vom Einfluss und der Dominanz eines Mediums - und beim Medienwissenschaftler Udo Göttlich, dass ihm eine „Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und Öffentlichkeit zukommt“.

Im 19. Jahrhundert war die Zeitung das unangefochtene Leitmedium. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde es der Hörfunk. Danach durfte sich das Fernsehen mit diesem elitären Begriff schmücken. Und seit der Jahrtausendwende ist nun das Internet fällig. Was ein wenig danach aussieht, als käme jeder mal dran, wenn er nur etwas Geduld hat…

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn es gibt zu viele verschiedene Definitionen des Begriffs „Leitmedium“. Die Historiker betrachten die zeitliche Abfolge der Bedeutung eines Mediums. Für den Feuilletonisten ist es die Wirkung des Mediums auf Meinung und Gesellschaft. Für den Journalisten womöglich die Häufigkeit von Zitaten und Erwähnungen. Der Werber versteht darunter eher das tragende Medium einer Kampagne. Oder das Medium, das bei Awards den höchsten Wert darstellt…

Während die einen dabei die quantitative Reichweite in den Vordergrund stellt, meinen andere die qualitative Bedeutung eines Mediums. Das kennen wir: Immer dann, wenn sich Qualität und Quantität in die Quere kommen, wird’s diffus.

Betrachten wir es ganz sachlich. Als die Zeitungen Leitmedien waren, gab es praktisch keine Konkurrenz. Das machte es per se einfach, zum Leitmedium aufzusteigen. Doch selbst heute würde man der Zeitung, angesichts ihrer Reichweite und der gesellschaftlichen und politischen Bedeutung von BILD, FAZ, Zeit & Co., eine gewisse „Leitmedien-Qualität“ nicht ernsthaft absprechen wollen.

Der Hörfunk hat diese Rolle eindeutig verloren. Es ist viele Jahrzehnte her, dass sich die Familie um den Volks-Empfänger drängte. Zwar ist seine Reichweite nicht zu bezweifeln. Doch bis auf wenige Ausnahmen - Deutschlandfunk oder Deutsche Welle - ist es nur noch ein Dudel-Medium, das kaum noch journalistische Leit-Qualitäten besitzt.

Das Fernsehen ist schwerer einzuordnen. Es hat den Führungsanspruch, ein Leitmedium zu sein, etwa 40 Jahre lang offenbar konkurrenzlos innegehabt. Aber eigentlich nur, weil alle Welt immer nur behauptet hat, Fernsehen sei das Leitmedium.

Wenn Reichweite die Voraussetzung für das Erreichen des begehrten Status darstellt, dann dürfen wir dem Fernsehen fraglos eine hohe Penetration bescheinigen. Allerdings „nur“ eine ebenso hohe wie die der Zeitung und des Hörfunks. In punkto Nutzungsdauer lag das Fernsehen jahrzehntelang abgeschlagen hinter dem Hörfunk. Das ist Fakt.

Wenn wir die gesellschaftliche Bedeutung des TV-Mediums in die Waagschale werfen - und dabei die Qualität der meisten Sendungen à la „Bauer sucht Frau“, „Schwiegertochter gesucht“ und Bohlens „Supertalent“ (also die Sendungen mit den höchsten Quoten) betrachten, dann fehlen wohl alle Voraussetzungen als Medium irgendwas oder irgendwen zu „leiten“. Wenngleich der Einfluss auf das Bild unserer Gesellschaft zwar fraglich, aber feuilletonistisch bemerkenswert ist.

Selbst die Lagerfeuer-Romantik, die wir dem Fernsehen stets attestierten, ist heute in Frage gestellt. Wann sitzt die Familie noch gemeinsam vor dem Flimmerkasten? Und wenn, haben inzwischen Millionen ihr Laptop oder iPad auf dem Schoss und konsumieren das TV-Programm immer mehr wie das Nebenbei-Medium Hörfunk. Das klingt nicht mehr wie Leitmedium.

Dann bliebe tatsächlich nur noch ein möglicher, neue Anwärter auf den Thron des Leitmediums: Das Internet. Inzwischen haben zwei Drittel aller Haushalte einen DSL-Internetzugang. Und offenbar zählt jeder zweite User zu den täglich aktiven Nutzern. Das alleine erzeugt allerdings nicht ganz die Reichweite, die wir von einem Leitmedium erwarten. Und nur, weil es das konvergenteste aller Medien wird, macht auch dieser Umstand das Internet noch lange nicht zum Leitmedium, sondern eher zu einer besonders vielseitigen, technischen Plattform.

Völlig anders stellt sich natürlich die Internetnutzung in der Altersgruppe der 14-29Jährigen dar. Stellt man ihnen die berühmte „Vermissensfrage“, würden 72% das Internet vermissen, jedoch nur 41% das Fernsehen (ARD-/ZDF-Massenkommunikation 2010).

Stellt man allen Erwachsenen diese Frage, bringt es das Internet immerhin schon auf 38%, hinter Fernsehen mit 45% und dem seit 1980 unter den elektronischen Medien führenden Hörfunk (!) mit 52%. Interessant daran ist, dass die Abstände zwischen den Medien immer geringer werden. Wenn also das „Vermissen“ ein Indiz für ein Leitmedium wäre, dann hätten wir es längst mit einem ganzen Bündel an Leitmedien zu tun.

Sah anfangs die Frage nach dem neuen Leitmedium kompliziert aus, bringt uns diese Erkenntnis der Lösung einen gewaltigen Schritt näher: Für unterschiedliche Altersgruppen und Lebensphasen gibt es individuelle und unterschiedlich ausgeprägte Leitmedien. Der augenblickliche Bedarf und (Medien-) Konsumanlass entscheidet, ob ein Medium das Prädikat „Leitmedium“ erhält. Oder kurz darauf wieder verliert, weil sich unser Mediennutzer anderen Dingen zuwendet.

Morgens beim Frühstück ist die Rheinische Post mein Leitmedium für lokale Nachrichten. Kurz darauf das Radio auf dem Weg in die Stadt. Oder Die Welt im Flieger nach Berlin. Das Internet beg-„leitet“ mich durch meinen beruflichen Alltag. Abends sind die ARD-Tagesthemen das Leitmedium, dem ich als Nachrichtquelle mein Vertrauen schenke. Spät abends gilt Twitter meine ganze Aufmerksamkeit. Und am Wochenende habe ich endlich Zeit für mein persönliches Portfolio an „Leit-medialen“ Zeitschriften…

Das Schöne dabei ist: Der Bundestagsabgeordnete (der im Plenum BILD liest), der ungelernte Arbeiter (der sechs Stunden am Tag fernsieht), die Studentin (die noch nie eine Zeitung in der Hand hatte), die Hausfrau (die am liebsten Bunte liest) - jeder von ihnen hat seine individuellen Leitmedien.

Das ist die Antwort: Es gibt schon lange kein einzelnes Leitmedium mehr. Sondern viele. Vor allem gibt es für jeden andere Leitmedien. Und für jeden viele individuell verschiedene. Genau das ist der Luxus unseres Medienzeitalters. Das Fernsehen würde gleich eine Casting-Show daraus machen: „My Personal Leid-Medium“.

Also, liebe Medien, kämpft um den Platz auf meiner Prioritätenliste!

Das Leitmedium ist tot. Es lebe das Leitmedium…

 

 

 

 

 

 

Tierfutter ist das neue "Print"...

Der Burda Verlag meldet für 2011 ein Umsatzplus von 26 Prozent. In Worten: sechsundzwanzigprozent. Burda - das sind die Leute in Offenburg und München, die Zeitschriften wie Bunte, Elle, Mein Schöner Garten und Focus herausbringen. Früher machten sie ihr Geld mit Schnittmustern, ihrer Druckerei und dem Verkauf von Zeitschriften und den Anzeigen darin. Heute ist das ganz anders.

Heute kommen 43% der Burda-Umsätze aus dem „Digitalen“: http://www.turi2.de/2012/03/26/heute2-burda-waechst-e-commerce-13311744/ Wer nun glaubt, das seien die Umsätze aus Online-Werbung (die mehr und mehr die klassischen Anzeigenerlöse verdrängen), sieht sich im Irrtum. Burda betreibt zwar auch bunte.de und focus.de, hat jedoch inzwischen den Tierfutterversender zooplus AG gekauft, der nun maßgeblich zum Umsatz beiträgt. Ebenso zum Burda-Reich gehören auch die Reiseseite HolidayCheck und die Singlebörse ElitePartner.

Die Axel Springer AG betreibt ihr Geschäft nicht anders. Ganz früher musste der Erfolg der BILD Zeitung die Geschicke des Konzerns fast im Alleingang lenken. Zum Springer-Rekordergebnis 2011 trug jedoch das „Digitale“ bereits mit einem Anteil von 31% bei. In den nächsten Jahren peilt man sogar einen 50%igen Anteil an. Denn zum Springer Konzern gehören längst auch Immonet, Stepstone und kaufDA.

Lediglich die Gebrüder Holtzbrinck (der eine verlegt WiWo und Handelsblatt) bewiesen nicht ganz das Geschick der Printkollegen und man will sich offenbar von seinen dahinsiechenden VZ-Netzwerken und auch von der Partnervermittlung Parship wieder trennen. Es ist ja schon erstaunlich, wie viel Geld und Energie die deutschen Verlage ausgerechnet in die digitale Liebe zu investieren bereit waren…

Bertelsmann (Gruner+Jahr: Stern, Brigitte und Co. plus RTL) ist nach dem frühen AOL-Desaster  vorsichtig geworden. Die Gütersloher dürstet es derzeit nicht nach Dating-Börsen. Dafür sind sie die einzige Mediengruppe mit einer substanziellen Investition im profitablen TV-Markt. Und das macht sie zu einer der größten Medienkonzerne der Welt.

Der Trend ist also klar. Mit Print allein ist nicht mehr genug Geld zu verdienen. Doch zum bilanziellen Ausgleich taugen die eher verlustträchtigen Werbeplätze der eigenen Online-Websites kaum. Dazu muss man schon diversifizieren. Notfalls in Tierfutter.

Ob sich die Gründer-Väter Senator Burda und Axel Springer so die Zukunft ihrer Medienhäuser vorgestellt haben? Wahrscheinlich nicht. Allerdings konnten sie keine Ahnung haben, wie das Internet die (Medien-) Welt verändern würde. Und sie waren schließlich nur leidenschaftliche Journalisten, aber keine Geschäftsleute.

Und ist es nicht erfreulich, dass die deutschen Verlage ins Internet investieren, wenn ihnen die steigenden Umsätze und Gewinne daraus ermöglichen, ihre Printobjekte trotz sinkender Umsätze und Gewinne weiterzuführen? Die Print-Redakteure werden es ihnen danken. Ebenso wie Millionen treuer Leser von Bunte, Stern und BILD.

Mit Sicherheit sind die Mergers & Acquisitions-Profis der deutschen Printverlage längst wieder ausgeschwärmt - auf der Suche nach neuen, lukrativen Online-Angeboten, mit denen sie ihr Portfolio erweitern könnten. Und ihre Umsätze. Und vor allem, wie es scheint, ihre Online-Umsatzanteile. Es ist interessant zu beobachten, wie die Großverlage immer neue Online-Anteilsziele - erst 25%, nun schon 50%, bald 75%? - ins Visier nehmen. Schade nur, dass der Eindruck überwiegt, sie glaubten nicht mehr so recht an ihre ehemaligen Print cash-cows…

Dazu werden sie aber mehr als nur Immobilien-Portale und Futterversender übernehmen müssen. Was folgt? Twitter? Viel zu teuer. Senioren-Dating? Abfall-Kalender-Portale? Botox-Versender?

Ich ahne, was stattdessen passieren wird. Nämlich das, was allen Konzernen ereilte, die übermäßig in artfremde Bereiche diversifizierten: Es kommt der Tag, an dem sie zurückrudern. Sich - wie jetzt Holtzbrinck - von immer mehr Online-Inventar wieder trennen. In ihren Pressemitteilungen werden wir lesen, dass man beabsichtige, sich wieder auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren. Wie oft haben wir das in den letzten Jahren gelesen? Hundertfach…

Und es werden DIE Verlagskonzerne glücklich in die Zukunft schauen, die gesunde, zeitgemäße und innovative Print-Objekte in ihrem Noch-Portfolio vorfinden. DIE Investition hätte sich dann wenigstens gelohnt.

 

Die Rabatte sind heute aber auch wieder aggressiv...

Selten waren sie so aggressiv wie heute. Die Rabatte. Stein des Anstoßes sind Rabatt-Praktiken der TV-Vermarkter IP und SevenOne, die besonders hohe Rabatte versprechen, wenn ein Unternehmen seinen Media-Mix zugunsten des Fernsehens verschiebt. Darüber regt sich der Zeitschriftenverleger-Verband VDZ entsetzlich auf und erwägt sogar eine Beschwerde beim Kartellamt. Die Verleger vermuten da einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht und sprechen von „besonders aggressiven“ Rabatten. http://www.wuv.de/nachrichten/medien/wie_sich_ip_und_sevenone_gegen_kartellvorwuerfe_gewappnet_haben

Dabei sind solche „Wettbewerbs-Killer-Rabatte“ doch gang und gäbe. Bekommen Sie etwa keinen besonders aggressiven Rabatt beim Italiener, wenn Sie dafür Ihrem Lieblings-Spanier eine Absage erteilen? Bekommen Sie an der Supermarkt-Kasse keinen Extra-Aggro-Rabatt, wenn die Kassiererin merkt, dass Sie eine andere Joghurt-Marke in ihren Einkaufswagen gelegt haben? Gibt es bei Opel kein besonders aggressives Navi umsonst, wenn Sie in einem Ford vorfahren?

Ich weiß gar nicht, was sich die Verleger schon wieder so aufregen. „Besonders aggressiv“ gibt es doch überall in der Biologie. Zum Beispiel bei den Freien Radikalen. Da sind sogar Gifte im Spiel. Das wäre ja so, als würden IP und SevenOne Kunden vergiften, die zu viel Print einsetzen…

Wenn man übrigens bei Google „aggressive Rabatte“ eingibt, erfährt man von aggressiven Übergriffen und Gewalt gegen das Personal der Bahn. Das, liebe Verleger, ist aggressiv. Eins auf die Mütze. Derartige Übergriffe auf Print-Werbungtreibende seitens der TV-Vermarkter sind uns (noch) nicht einmal bekannt.

Und solange die TV-Vermarkter ihre Werbeinseln nicht bei Groupon feilbieten, kann von Aggressivität oder gar Feindseligkeit doch überhaupt keine Rede sein.

Außerdem finde ich, dass die Verleger die Bedeutung ihres Mediums mal wieder arg überschätzen. Denn der fragliche Rabatt gilt für eine Verschiebung der Werbegelder zugunsten des Fernsehens. Also auch dann, wenn ein Werbekunde weniger Online, Radio oder Plakat macht. Oder etwa nicht?

Halt. Der ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling will sehr wohl den Printmedien Werbemarktanteile abjagen. Ausdrücklich. Hat er gesagt. Ein schlimmer Finger, dieser Ebeling. So etwas macht man nicht. Die Printmedien liegen doch alle schon längst am Boden. Die Verluste bei Auflagen und Werbeerlösen haben sie schwer lädiert. Die Deister-Leine-Zeitung wird bereits obduziert. Das, Herr Ebeling, nennt man nachtreten.

Nein, so etwas macht man nicht. Das wäre ja so, als würde Ehrmann-Keiner-macht-mich-mehr-an seinen ärgsten Wettbewerber Activia öffentlich zum Feind erklären und Vera Int-Veen im Werbeblock in den Blähbauch treten. Als würde VW die bösen Toyotas via Pressemitteilung zum Erzfeind erklären und den armen Toyota-Fahrern anbieten, sie zur nächsten Rückrufaktion in die Werkstatt abzuschleppen. Das wäre nachtreten…

Zumal Ebeling der Erfolg seiner Aktion bislang verwehrt bleibt.  Wenn man sich die aktuelle Bilanz des Axel Springer Verlages so ansieht, dürfte Herr Döpfner sich gerade ins Fäustchen lachen.

Nein, so etwas wollen wir nicht. Wir fordern einen respektvollen Umgang im Kampf um die Marktanteile. Ich finde, die Medien sollten sich bei der Erfindung ihrer Rabatte etwas gelassener geben. Rabatte sollten einfach augenzwinkernder gegeben werden. Und lustiger sollten sie auch sein.

Wie wäre es mit einem Sonderrabatt für Radiospots, in denen nicht eine einzige Zahl vorkommt? Mit einem Extra-Lupenrabatt für Plakate, die 20-Punkt-Schrift unterschreiten? Mit einem Eck-Rabatt für Printanzeigen, in denen das Kundenlogo links unten steht? Mit einem Offline-Rabatt für Online-Banner, die verschwinden, wenn man das Internet ausdruckt.

Oder neuartige Fernseh-Rabatte: Ein Horror-Rabatt für TV-Spots von WC-Reinigern, die nachts ab ein Uhr ausgestrahlt werden. Ein Clutter-Rabatt für Bier- und Auto-Spots in der Sportschau. Und für Shampoo- und Kosmetik-Spots in GNTM. Und natürlich ein PRO7-Treue-Rabatt für Anzeigen im GNTM-Magazin…

Fallen Ihnen noch mehr lustige Rabatte ein?

 

Wie kostenlos ist "Earned Media" wirklich?

 Die Nutzung der Medien und - mit ihr - die Bereitschaft, einer Werbekampagne Aufmerksamkeit zu schenken, verändert sich rapide.

Es gibt darauf derzeit drei erkennbare Antworten:

1.   - „Wir machen das mit den Fähnchen!“ 80% der Werbungtreibenden und Agenturen machen weiter wie bisher und reagieren überhaupt nicht. Das ist keinesfalls erschreckend, sondern normal. Sonst würde ja das Gleichgewicht des Pareto-Gesetzes (20% der Ursache/=Kampagnen erzeugt 80% der Wirkung) glatt außer Kraft gesetzt…

2.   - Die Digitalisierung der Medien verführt dazu, im gleichen Atemzug  auch die Kommunikation zu automatisieren: Die Product Manager betreiben ROI-Modeling. Die Kreativen („Mediengestalter“) entwickeln ihre Kampagnen mit einheitlicher PC-Software. Die Medialeute erfinden Targeting. Eine unheilvolle Entwicklung…

3.   - Das sagenumwobene Phänomen des „Earned Media“ macht die Runde: Man muss sich die Aufmerksamkeit der Verbraucher nur „verdienen“. Doch Hand auf’s Herz: Wirklich neu ist das nicht. Neu sind höchstens die Mittel, die wir entdecken, um die Endverbraucher zu „engagieren“, sie in unsere Kampagnen zu involvieren. Connections that captivate…

Neu ist allerdings der Glaube, diese „Neue Aufmerksamkeit“ sei so preiswert zu erzeugen wie nie zuvor. Man braucht nur die bisherigen (teuren) klassischen Medien durch neue (billigere oder vermeintlich gar kostenlose) wie PR, Online und Social Media zu ersetzen. Procter & Gamble glaubt an so etwas und will es uns vormachen: http://www.businessinsider.com/pg-ceo-to-lay-off-1600-after-discovering-its-free-to-advertise-on-facebook-and-google-2012-1

Gehypte Kampagnen wie Old Spice und Tip-Ex erwecken den Eindruck, das wäre relativ einfach. Es sei plötzlich kinderleicht, eine enorme Medialeistung für ganz wenig Geld zu entfachen. Man könne mit den neuen (billigen) Medien die Kräfte der Medienökonomie ganz einfach aus den Angeln heben.

Dumm nur, dass wir selten erfahren, ob diese Kampagnen wirklich erfolgreich waren. Denn Werbeerfolg misst sich weder in GRPs, noch in Klicks, Likes oder Retweets. Sondern bekanntlich in zufriedenen Kunden und stabilen oder gar steigenden Abverkäufen. So sehen es zumindest die Auftraggeber der Werbung.

Beispiele wirklich erfolgreicher (digitaler) Kommunikation stammen von Otto, Ikea, VW Passat (Darth Vader) und Hornbach. Oder von @Telekom_hilft und @DB­_Bahn.

Diesen erfolgreichen Beispielen ist meist eins gemeinsam: Sie ergänzen die herkömmliche, klassische Kommunikation um brillante, kundenorientierte, „digitale“ Ideen, die aufs Konzept einzahlen, Marken erfolgreich stärken und Images erfolgreich verbessern.

Sie ergänzen! Sonst müsste eine Online entstandene Marke wie Zalando wohl kaum auch ins TV abwandern und überwechseln (müssen). Und dort eine der TV-präsentesten Marken überhaupt werden.

Braucht man für Pull-Marketing nach wie vor also doch noch Push-Kommunikation? Ja. Sicher.

Wir werden den Konsumenten nie dazu verführen können, sich Tag und Nacht nur noch mit unserer Kommunikation, unseren Botschaften, unseren Claims zu beschäftigen. Sich zu „integrieren“, wie es so schön heißt. In den Dialog mit jeder Marke zu treten, die ihm vor die Flinte gerät. Weil die Verbraucher in Wirklichkeit viel lieber untereinander Tier- und Urlaubsfotos und ihr Abendessen auf Facebook austauschen. Außerdem wird die Reaktion der Konsumenten auf User Generated Content und Dialog vermutlich wieder nachlassen, sobald der Neuigkeitseffekt verblasst ist.

Die digitalen Kanäle machen es nicht leichter, die Menschen mit kommerzieller Werbung zu erreichen, sondern schwieriger. Der Endverbraucher wird immer schwerer einzufangen, zu „captivaten“.

Je mehr die Ritualisierung der Mediennutzung im Tagesablauf (Zeitung -> Radio -> OHH -> Zeitschriften -> Radio -> OOH -> TV) abnimmt, desto schwerer wird es, die Menschen zu erreichen. Sie sind nicht mehr da, wo man sie vermutet. Und : Geo-/Location-Based Targeting mag für die McDonald’s dieser Welt eine kleine, neue Antwort liefern, aber nicht für Lenor und nicht für Persil. Nicht für die meisten Konsumgüter-Marken, die 80% unserer Spendings verantworten. Für sie bleibt es auch in Zukunft beim guten, alten Markendreiklang Bekanntheit -> Sympathie -> Kauf.

Je mehr Kanäle hinzukommen, desto schwieriger und komplexer werden Marketing und Werbung. Und desto aufwändiger. Im Hinblick auf Geld und Manpower und Talent und Glück.

Ja, teurer. Denn digitale Kanäle ersetzen nicht die klassischen Medien, sondern ergänzen sie. Kommunikation wird dadurch teurer. Keinesfalls billiger. Aufmerksamkeit wird ein immer teureres Gut. Und keine Sorge: Online macht Werbung nicht billiger. Bewegtbild wird bald so teuer wie Fernsehen.

Kostenlose, sprich preiswerte Aufmerksamkeit bleibt ein Glücksfall. Ein Glücksfall, der allerdings nur durch harte (Zusammen-) Arbeit entsteht. Diese Aufmerksamkeit verdient nur der, der zuvor sehr viel Geld und Mühe und Talent und Geduld in seine Marke investiert hat. Behaupte ich. Nach meiner Berechnung ist es zu 20% Glück und 80% harte Arbeit. Glück hat immer der, der hart arbeitet…

 

 

"The End Of Advertising As We Know It"...

So der Titel eines der Bücher von Sergio Zyman. Zyman war von 1979 bis 1998 der legendäre Chief Marketing Officer der Coca Cola Company. Sein Buch hat er 2002, vor genau zehn Jahren, geschrieben und es zählt nach wie vor zu den besten Büchern über Werbung schlechthin. Wie ich meine. Und ich frage mich, was er heute, zehn Jahre später, wohl für eine Neuauflage ergänzen würde.

Das mit Abstand berühmteste Zitat aus seinem Buch lautet: „Advertising is not an art form. It’s about selling more stuff more often to more people for more money.“ Es gibt kaum einen Vortrag von mir, in dem ich nicht versuche, diesen markanten Satz zu zitieren…Schön ist aber ebenso: „It’s about relevance and giving people reasons to buy, not about ads.“ Und: It’s great to be known and accepted, but it’s better to be bought.“

In seinem Buch beschreibt er - offenbar nicht ganz ohne Schadenfreude - wie er McCann und viele andere Agenturen gern zurechtwies: „Stop entertaining people and start selling Coke. If you can’t do that, you’re gone.“

Er beerdigt, ganz nebenbei, den Mythos um die weltberühmte „Wassup“-Kampagne von Budweiser. Diese TV-Kampagne gewann 2000 den Cannes Grand Prix, den Grand Clio und überhaupt jeden Preis, den die Werbebranche zu vergeben hatte. Und während die Werbeleute auf den Bühnen dieser Welt stolz die Preise entgegennahmen, fiel der Marktanteil von Budweiser um 2,5% und der hl-Absatz gar um über 8%. Es war das größte Fiasko in der Geschichte der Brauerei…

Ebenso schonungslos geht er mit Themen wie Sponsoring um. Wenn man erwägt, Geld in Sponsoring zu investieren aber weder sagen kann, warum und welchen Beitrag es zum Abverkauf leisten wird, soll man es einfach bleiben lassen. Postuliert Zyman. Und garniert es mit der eingängigen Frage: „Would you buy outdoor billboards along a highway, then put nothing on them but your logo?“ Herrlich klar. Herrlich simpel.

In seinem Buch widmet er natürlich auch dem Thema Media ein längeres Kapitel. Er spricht den Medien-Vermarktern jede Glaubwürdigkeit ab („Don’t rely on sales reps to tell you the truth…“). Und geht noch einen Schritt weiter. Er stellt schlichtweg die Wirkung von TV in Frage: „There are plenty of other ways to advertise besides television commercials. Most of them aren’t as sexy… but they’re often a lot more effective.” Hört, hört, das sagt der Mann, der für Coke Hunderte von Millionen Dollar in TV investierte…

Es gibt wohl nur wenige Bücher über Werbung (außer natürlich David Ogilvy), die sich auch noch nach zehn Jahren zu lesen lohnen. Was Zymans Buch dennoch heute fehlt, ist die Übertragung seiner klaren Empfehlungen auf die digitale Medien-Ära. Machen wir also den Versuch, seine Gedanken fortzuspinnen. In unsere Online-dominierte Welt. Ich sortiere das mal der Einfachheit nach Medien.

TV: Verlassen Sie sich nicht zu sehr auf Ihre GfK-Zahlen. Sie sagen Ihnen höchstens, ob das Gerät überhaupt eingeschaltet ist. Fragen Sie Ihre Zielgruppe, was sie vor dem Bildschirm treibt. Wenn Sie nicht mehr wirklich hinschaut, stattdessen chattet, surft, twittert und facebookt, suchen Sie sich ein neues Medium. Wenn für sie das Fernsehen uneingeschränkt das Medium Nummer eins geblieben ist, dem sie ihre volle Aufmerksamkeit schenken, entwickeln Sie bitte Spots mit Inhalten, die relevant sind. Und auch beim zweiten Ansehen noch Freude machen.

Zeitungen: Wenn Ihre Zielgruppe zu den 2/3 der Bevölkerung zählt, die immer noch (!) Zeitung liest, sollten Sie dieses Medium mit seiner lokalen Kompetenz und Stärke vielleicht doch ernster nehmen. Und ein Motiv entwickeln, dass Ihre Zielgruppe zum Handeln veranlasst. Denn das machen die glatt: Handeln. Das sind die Zeitungs-Leser so gewohnt.

Zeitschriften: Kaum ein Medium erreicht Zielgruppen so individuell wie Magazine (Achtung: Verschüttetes Geheim-Wissen!). Und im Einerlei der Anzeigen, die von PC-Software-geschulten Mediengestaltern entwickelt werden, ist es ein Leichtes, herauszustechen und aufzufallen. Zweite unabdingbare Voraussetzung: Ihr Mediaplaner plant Zeitschriften nicht mit seiner TKP-Optimierungs-Software nach Wirtschaftlichkeit ein.

Radio: Mehr Menschen hören mehr Radio als sie Print, Outdoor und Online zusammen nutzen. Kein Medium macht mehr gute Laune - für die Werber auf der Suche nach einem stimmungsvollen Umfeld. Entdecken Sie es, bevor Ihnen Ihr Wettbewerber zuvor kommt. Aber lassen Sie Ihre Radio-Kampagne bitte von Grabarz & Partner oder einer anderen Agentur machen, die Radio wirklich versteht.

Plakat: Außenwerbung wäre erheblich wirksamer, wenn die Kreativen begreifen würden, wie man damit umgeht: Prägnant, kurz, schnell, eindeutig, „plakativ“. (Wenn im Zweifel: Die Schweizer können das.) Wenn dann noch die Mediaplaner begreifen, dass man Plakate nicht nur bundesweit, sondern gezielt lokal einsetzen kann, kostet es auch nicht gleich Millionen. Und Sie haben ein zusätzliches Medium im Mix, das die Wirkung Ihrer Kampagne steigert. Nur mal so…

Last not least Online: Leute, kein Mensch klickt mehr auf langweilige Banner. Und dieses Targeting wird auch immer mehr zur Lachnummer (bei den Nutzern, wohlgemerkt). Facebook ist zwar in aller Munde, wird aber nur 13 Minuten am Tag genutzt. Verstehen Sie das Internet doch bitte endlich als ein ganz normales Medium. Mit dem man ganz normale Menschen erreichen kann, wenn man sie mit intelligenten und relevanten Botschaften anspricht. Das kann doch nicht so schwer sein… Bedenken Sie aber auch, dass die Menschen das Online-Gelesene schneller wieder vergessen als bei anderen Medium. Und achten Sie - wie bei allen anderen Medien selbstverständlich (!) - peinlichst genau auf die Qualität der eingekauften Websites. Das Meiste, das Ihnen die Vermarkter und Agenturen anbieten, ist purer Schrott, den sie auffüllen, um die versprochene Performance irgendwie zu erreichen. Wenn Sie für Ihr Geld nicht mehr wollen, ist Ihnen auch nicht zu helfen.

Das, glaube ich, würde uns Sergio Zyman wahrscheinlich raten. Es ist wie der Zettel, den wir an unseren Spiegel oder PC kleben. Auf dem nur ein einziges Wort steht: THINK! Es ist so einfach, wirksamere Werbung zu entwickeln. Wenn wir nur klar denken. Uns klare Ziele setzen. Eine klare Strategie entwickeln. Und sie ohne Umwege umsetzen.

Was meinen Sie, Mr. Zyman? Habe ich in Ihrem Sinne weitergedacht? Sind meine Gedanken über den modernen Umgang mit medialer Kommunikation so klar wie Ihre? Und so hilfreich?
Zymans „The End Of Advertising As We Know It“ ist bei Amazon ab €0,01 erhältlich: http://www.amazon.de/gp/offer-listing/047142966X/ref=sr_1_4_olp?ie=UTF8&qid=1...

Was unsere Printmedien von Libyen lernen können...

Ein ganzes Land liegt in Trümmern. Es herrscht Aufbruchstimmung. Aufbruch in die Freiheit. In die Demokratie. Ein nordafrikanisches Land, in dem 60 Prozent der Bevölkerung nicht älter als 30 ist: Libyen.

Finanziert durch das Auswärtige Amt und im Auftrag des Berliner NGOs „MICT Media in Cooperation and Transition“ besuchen Werner D’Inka, Herausgeber der FAZ, und ich die Metropole Tripoli. Wir führen vier Tage lang Workshops bei einigen der neuen, unabhängigen Printmedien des Landes durch. Die Wochenzeitung Libya Aljadida erscheint seit dem 20. September, die ebenfalls wöchentlich erscheinende Zeitung Arous al Bahar („Die Meeresbraut“) seit dem 31. August. The Libyan Magazine, ein politisches Magazin im Stil von Time Magazine, bereits seit Juni zunächst in Benghazi, nun auch in Tripoli. Wir treffen auf eine absolut jungfräuliche Medienlandschaft.

Bis vor wenigen Monaten existierten in Libyen zwar etwa zehn Zeitungen, die allerdings auf eine einzige, von Gaddafi kontrollierte Redaktion zurückgriffen. Es gab nur einen einzigen, staatlichen TV-Sender. Die klassische Mediensituation in einer Diktatur. Seit einem halben Jahr ist alles anders. Die ersten, privaten TV-Sender stehen in den Startlöchern. Überall sprießen junge, neue Print-Medien hervor. Gegründet von Libyern, die ihre Welt verändern wollen. Kaum einer der Herausgeber und Chefredakteure ist älter als 30.

Man würde erwarten, dass das Internet das Lead-Medium dieser jungen, im Entstehen begriffenen Demokratie ist. Facebook hat ohne Zweifel einen großen Anteil an der Realisierung des arabischen Frühlings. „Facebook“, antwortet denn auch der 29jährige Ibrahim Shebani, Chefredakteur des Libyan Magazine, auf meine Frage, was seine Hauptnachrichtenquelle ist. Warum aber verlegt er dann ein Magazin?

In Deutschland blicken die Zeitungen auf eine über 350jährige Vergangenheit zurück. Die erste Zeitschrift erschien 1689. Heute sehen sie sich einer zunehmenden Konkurrenz durch das Internet ausgeliefert, suchen nach ihrer Identität - und nach einem neuen Platz in der modernen Medienwelt. Endgültig gefunden hat sie noch keiner. Und wir alle, Medienschaffende, Marketing- und Werbeprofis, rätseln darüber, wie wohl unsere Printlandschaft in wenigen Jahren aussehen mag. Vielleicht so wie in Libyen?

Das Faszinierende an der Entwicklung der Printmedien in Libyen ist zweifellos die Tatsache, dass sie mitten ins Online-Zeitalter hinein geboren werden. Statt, wie bei uns, ihren Platz dort mühsam suchen zu müssen. Haben sie dadurch bessere Voraussetzungen? Vor allem aber: Sehen sie die Medienwelt anders als wir?

Die Wochenzeitung Libya Aljadida startete im April als Online-Ausgabe. Als die Druckkapazitäten im September, kurz nach dem Fall von Tripoli am 22. August, wieder hergestellt wurden, ging sie erstmals in Druck. Seither hat man die Website vernachlässigt, um sich ganz auf Print zu konzentrieren. Die Herausgeber überlegen ernsthaft, ob sie die Online-Ausgabe wieder einstellen. Erstaunt fragen die Besucher aus „print country Germany“ nach dem Warum. Die Antwort lautet schlicht: „We must change the culture“…

Bei Arous al Bahar existiert überhaupt keine Online-Ausgabe. Und derzeit hat auch niemand die Absicht, die Printausgabe online zu stellen. Die Antwort lautet auch hier: „We need to change the culture“… Gefolgt von der Erkenntnis, dass Print im Gegensatz zu Online Vertriebserlöse einfährt.

Der junge Verleger des Libyan Magazine erläutert die Mediensituation seines Landes ausführlicher. Das Fernsehen, sagt er, habe nur Einfluss auf die unteren Schichten. Es sei ungeeignet, die Kultur des Landes zu verändern. Und dies gelte auch für das Internet. Er spricht von Bildung, von politischer und demokratischer Bildung, wenn er Kultur meint: „We have to change the culture.“ Man müsse erst lernen, Fragen zu stellen, Dinge zu hinterfragen. Eine nachhaltige Diskussion in Gang zu bringen. Dazu eigne sich, seiner Meinung nach, am besten Print. Das Internet, trotz seiner zahlreichen Blogs, sei zu „fluid“. Er begnügt sich dort mit einem Auftritt bei Facebook und Twitter.

Ich frage ihn, an wen er sich mit Libyan Magazine wendet. Er spreche junge Libyer ab 20 an, sagt er, junge Studenten, die gebildete Schicht bis etwa 35. Und da hält er Print für geeigneter als das Internet? Er scheint Recht zu haben. Von den 6.000 Exemplaren, die er zweiwöchentlich druckt, verkauft er regelmäßig über 5.000. Er wird im Januar die Auflage erhöhen. Und im Juni nächsten Jahres die erste Frauenzeitschrift Libyens herausbringen. Der junge Mann beeindruckt mich. Er redet schneller als manch anderer denkt. Er ist ein Dynamiker par excellence, der in seiner neuen Freiheit nicht zu bremsen ist. Und er glaubt fest an Print…

Noch einmal zurück zur Wochenzeitung Arous al Bahar. Sie zählt längst zu den einflussreichsten und bestgemachten Wochenzeitungen des Landes. Wir fragen, ob ein tägliches Erscheinen geplant sei. Der Chefredakteur schaut seine europäischen Gäste sichtbar erstaunt an. Warum eine Zeitung täglich erscheinen soll? Das Internet versorge die Leser doch mit allen aktuellen Nachrichten. Nein, erläutert er, mit den Internet-Nachrichten wolle und könne er nicht konkurrieren. Er will in seinem Blatt Meinungen, Analysen, Kommentare und Investigationen sehen. Das sei doch wohl der Sinn einer Zeitung. Und nicht Nachrichten zu veröffentlichen, die schon jeder kennt. Außerdem bräuchte man zum Recherchieren guter Hintergrund-Stories nun einmal Zeit. Ich komme mir vor wie ein belehrter Schuljunge…

Wir haben den libyschen Verlegern und ihren Redaktionen in den vier Tagen manches beibringen können. Über Journalismus und Marketing. Sie haben uns überraschend viel zurückgegeben. Wir sind auf Enthusiasmus gestoßen. Gewiss auch auf viel Naivität, die bekanntlich oft zum Erfolg beiträgt. Aber auch auf einige Erkenntnisse, die zwar simpel, aber nur dem Online-Zeitalter entspringen können, wenn man vor Print zuallererst das Internet eingeatmet hat.

Fernsehen hat seinen stärksten Einfluss auf gering gebildete Schichten. Online ist schnelllebig und fluid. Social Media ersetzen höchstens den Leserbrief und erzeugen Dialog. Print ist als Nachrichtenmedium zu schwach. Alleine Print ist jedoch nachhaltig. Print lebt von „Meinung, Analyse, Kommentar und Investigation“.

Das ist weder mir, noch unseren Medienschaffenden hierzulande neu. Wir haben es nur noch nicht umgesetzt. Die jungen, libyschen Printmedien machen es vor. Sie sind gerade dabei, unsere alte Welt zu überholen. Dass sie dabei die besseren Chancen hatten, lasse ich nicht als Ausrede gelten.

„Change the culture“…

Ich behaupte ja, Sex ist aufregender...

Das kommt also dabei heraus, wenn der VDZ, der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, eine neue Kampagne der Sorte Gattungsmarketing aus der Taufe hebt. Man möchte einfach nur zurückrufen: „Print wirkt. Aber so ganz bestimmt nicht…“ Aber eins nach dem anderen.

In der Pressemitteilung des Verbandes heißt es: „Ein weiteres Merkmal der neuen Kampagne ist die B2B-Ausrichtung auf die Media-Entscheider in Agenturen und bei Werbungtreibenden.“ Das haut mich glatt um. Soll das heißen, dass man sich mit den bisherigen Kampagnen an die lesende Bevölkerung wandte? Dann hätte jemand aber dem Verband mal sagen können, dass die Endverbraucher den Begriff „Print“ überhaupt nicht kennen. Und dass sie zu „Zeitschrift“ in der Regel sogar fälschlicherweise „Zeitung“ sagen („Gibst du mir mal die Fernseh-Zeitung!“)

Hmmm. Das macht mich jetzt stutzig. Aber egal. Denn mit der neuen Kampagne will man sich ja endlich an die B2B-Entscheider wenden, die in werbenden Unternehmen, Werbe- und Media-Agenturen über die Wahl der Medien für ihre Kampagnen entscheiden. Dieser Erkenntnis stimme ich vollumfänglich und widerspruchslos zu. Eine super Idee.

Und da - so wird man sich im Verband gedacht haben - diese Entscheider in der Vergangenheit den qualitativen Argumenten der Zeitschriften nicht mehr zuhörten und immer weniger Anzeigen buchten, dann kommen wir ihnen halt mit Themen, die bei ihnen mehr Aufmerksamkeit erzeugen. Sex zum Beispiel.

Die Motive nutzen die gute, alte Taktik: Überraschende und humorvolle Headlines, die dazu anregen, die Argumente im Fließtext zu lesen. Diese Taktik ist älter als mein Bart, kann aber durchaus funktionieren. Es sei denn, sie führt zu Einschläfer-Headlines wie „Print ist aufregender als Sex“… http://www.vdz.de/

Es mag ja sein, dass 87% der Zeitschriftenleser sich bei der Lektüre ausschließlich darauf konzentrieren. Wie viele Menschen sich beim Sex ausschließlich auf Sex konzentrieren, überfordert mein Allgemeinwissen. Google hat auch keine rechte Antwort darauf. (Wohl aber einen Hinweis, dass Sex die Konzentration fördert.) Einzig die Zeitschriftenverleger scheinen zu wissen, dass es beim Sex jedenfalls weniger sind, die sich gerade konzentrieren. Ok, zugegeben, ist Haarspalterei. Vielleicht ist es aber Tatsache, dass viele Menschen häufiger Zeitschriften lesen als Sex haben. Aber sie sehen länger fern als sie lesen. Nee, so kommen wir auch nicht weiter…

Nehmen wir eine andere Aussage. Nämlich die, wonach Print Paid Content ist („Print ist Wertpapier“) und die Deutschen allmonatlich €283 Mio. für Zeitschriften ausgeben. Leider geben sie mehr als das Doppelte für die GEZ her - monatlich €628 Mio. (Schlecht recherchiert, wie?) Und wie viel geben sie für Computer, Smartphones, Flatrates und Apps aus, um online Content zu payen? Irgendwie alles Milchmädchenrechnungen. Es sei denn, der VDZ hätte eine völlig neuartige Definition von Paid Content ersonnen.

Oder die Aussage, dass Print länger genutzt wird, als mancher Spielfilm, nämlich 91 Minuten lang. Man ist ja schon froh, dass sie für dieses Argument nicht die Headline „Unserer ist länger“ gewählt haben… Ansonsten bleibt es ein Rätsel, was die Nutzungsdauer mit der Aufmerksamkeit oder den Erfolg einer Werbekampagne zu tun haben könnte.

Oder dieser hier: Dass Zeitschriften eine höhere Reichweite haben als das Fernsehen. Das mag als Argument herhalten für Werbekunden, die gern für ihre Kampagne alle Zeitschriften einsetzen, die Deutschland zu bieten hat. Nicht aber für Mediaentscheider, denen an einem normalen und bezahlbaren Reichweitenaufbau gelegen ist. Denn in diesem Punkt sind sowohl Fernsehen, als auch Radio und sogar die Tageszeitungen den Zeitschriften deutlich überlegen. Der nächste Schuss nach hinten…

Dies alles hinterlässt kaum mehr als den Eindruck, die Verleger selbst verstünden ihr Medium nicht mehr. Wüssten nicht, mit welchen Argumenten sie ihre Anzeigenkunden noch ködern oder halten könnten.
Aber sie haben immerhin eine Gattungsmarketing-Kampagne. Das muss man ihnen zugutehalten. Das Fernsehen hat so etwas nicht zustande gebracht. Online auch nicht. Nur das Radio hat eine Radiozentrale, die allerdings finanziell wie ein zahnloser Tiger im Regen steht. Dabei ist das, was die Berliner an Ausstoß produzieren, durchaus beachtlich. Schade, dass die Radio-Sender nicht begreifen, dass sich daraus mehr machen ließe. Aber… anderes Thema.

Zurück zu den Zeitschriften. Es gibt ein einziges Argument, dass mich wirklich um den Schlaf bringt: Dass Anzeigen in Zeitschriften offenbar zweimal wahrgenommen werden (können). Wenn das stimmt, wenn sich dieser Wert tatsächlich erhärten lässt, dann hat die Anzeige doppelt so viel „Wert“ wie jedes andere Werbemittel in jedem anderen Medium. Das wäre wirklich ein Pfund in den Händen der Zeitschriftenvermarkter. Schade nur, dass sie einen kompletten Umsturz unserer Kontakt-Konventionen und Definitionen benötigen, um mit diesem Argument zu reüssieren.

Schade auch, dass sie damit nicht die Fragen der Werbungtreibenden beantworten, wie Werbung (in Zeitschriften) wirkt. Gut, das tun die anderen Medien auch nicht. Ich wette aber, dass die Antwort den Zeitschriften genügend Argumentationskraft für die nächsten hundert Jahre gäbe. Weil wir beim Lesen unser Gehirn einschalten - und nicht ein Gerät… Nur so als Beispiel.

Ich wüsste ja, was die Zeitschriften besser machen könnten. Wie sie schlagkräftigere Argumente fänden, um den Wert ihres Mediums (wieder) konkurrenzfähiger zu machen. Wie sie (wieder) zu einem Wert-vollen und unverzichtbaren Werbeträger werden. Wie sie sich deutlich besser gegen TV und Online in Position bringen. (An dieser Stelle wird’s leider honorarpflichtig…)

Doch, eine Empfehlung kann ich hier ausplaudern. Sie betrifft die Zielgruppe dieser VDZ-Kampagne: An der Spitze der Entscheider-Pyramide in Unternehmen und Agenturen sitzen die Chefs, die derzeit das Werbegeld aus Print abziehen. Sie mit Sex-Headlines abholen zu wollen, ist absurd. Mit ihnen muss man über Qualität und Content reden. Persönlich. Nicht über noch mehr Rabatte, sondern mit deutlich besseren Argumenten.

Der Rest der Zielgruppe, Product Manager, Texter, Grafiker und Jung-Planer, sind unter dreißig. Das sind diejenigen, die zur Misere beitragen. Weil sie weder Zeitungen noch Zeitschriften lesen. Sie mit Printanzeigen ansprechen zu wollen, könnte in die Hose gehen. (Ich bin ja mal gespannt, wie hoch der Online-Anteil der Kampagne ist…)

Jeder Anteil unter 70% für Online-Medien wäre kritisch. Weil sich die junge Werbe-Generation, die über die Positionierung der Medien in den nächsten Jahren entscheidet, gar nicht mehr anders erreichen lässt. Natürlich ist es für die Verleger billiger, in ihren (eigenen) Printmedien zu werben. Damit begäben sie sich auf das gleiche Niveau ihrer Werbekunden, die auch nur noch die Medien einsetzen, die „billig“ sind.

Warum setzen Zeitschriften in der Vertriebswerbung auf TV, Radio und Plakate? Warum setzt eBay auf Print? Warum verlässt sich Zalando auf TV, um wirklich groß zu werden? Weil das Medium, das einem am nächsten (billigsten) liegt, nicht immer hilfreich ist, das eigene Werbeziel zu erreichen. Das Ziel ist der Weg. Manchmal ist aber das Ziel im Weg.

Lieber VDZ, was genau ist das Ziel dieser Kampagne?
 
 

2012: Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen...

2012 wird ein aufregendes Jahr. Ich erzähle mal ein paar Dinge, die der eine oder andere vielleicht noch nicht weiß. 2012 wird ein Jahr, das wir, die in Medien, Werbung und Media arbeiten, noch lange in Erinnerung behalten werden. Es wird ein spannendes Jahr. Und es wird einige Überraschungen bereithalten…

Traditionell beginnt das Werbejahr mit den Horizont Awards und dem  Deutschen Medienkongress am 17. Januar in Frankfurt. Besonders freue ich mich auf den „Gipfel der Agenturen 2012: Agenturen im Wandel“. Es diskutieren Jürgen Blomenkamp, Dr. Andreas Bölte (da schau her!) und Manfred Kluge, die CEOs der Mediaagentur-Giganten GroupM, Aegis und OMD. Dass es tatsächlich zum Showdown kommt, dafür sorgt schon die Moderation durch Jürgen Scharrer, den Horizont-Chefredakteur himself.

Es wird um die künftige Rolle der Mediaagenturen gehen. Und um das vieldiskutierte Thema Trading. Kluge, der sich öffentlich gegen (da schau her!) das Trading ausgesprochen hat, tut dies übrigens nur, weil ja irgendjemand dem übermächtigen Marktführer GroupM Paroli bieten muss. Bölte wird sich diplomatisch zurückhalten - nach den unschönen Details, die der Ruzicka-Prozess über das Geschäftsgebaren seiner Aegis hervorbrachte. Und Blomenkamp wird wieder rhetorisch brillieren. Hoffentlich nicht nur rhetorisch.

Zum Thema Trading finden in diesen Tagen zwischen allen Medien- und Werbeverbänden Diskussionen hinter verschlossenen Türen statt. Deren Ergebnis, wie auch das Ergebnis der Horizont-Diskussion, wird sein: Trading ist an sich nichts Anstößiges (http://www.marketing-site.de/content/was-ist-eigentlich-schlecht-an-trading;7.... Wenn aber Mediaagenturen groß ins Vermarktergeschäft einsteigen wollen, weil sie hier noch mehr Profit (da schau her!) wittern, dann wird man sie auffordern, gefälligst auch ihr Beratergeschäft abzugeben. Denn Beides ist schlicht unvereinbar. Und zudem eine Ohrfeige in Richtung ihrer eigenen Kunden, die auf der jüngsten OWM-Tagung in aller Deutlichkeit Trading ablehnten und mehr Transparenz (da schau her!) forderten. Händler können mauscheln, Berater dürfen es eben nicht. Punkt.

Zu diesem Punkt erwarten wir im Januar endlich klare Aussagen. Von allen Seiten.

Apropos Kunden: Einem weiteren Unternehmen in Deutschland ist der Kragen bereits geplatzt. Einem sehr großen, prominenten Kunden, der beim Abzug seines Geschäfts aus einer der drei o.g. Agenturen eine deutliche Umsatzlücke hinterlassen wird. Seine Entscheidung ist gefallen. Er hat die Machenschaften der Mediaagenturen und ihre „Geschäftsbesorgungsverträge“ satt. Er wird eigene Wege gehen, einen ungewöhnlichen Weg. Und wenn er es will, wird er seine Entscheidung unmittelbar vor dem Horizont-Gipfel veröffentlichen. Dann haben die drei Agentur-Diskutanten eine Nuss, die sie nicht so leicht werden knacken können. Denn dieser Kunde könnte 2012ff einen wahren Domino-Effekt auslösen.

Es rumort ohnehin bedenklich in den Chefetagen der Mediaagenturen. Zu Jahresbeginn erfuhren wir, dass die Mediaplus ihre beiden langjährigen Manager verliert. Andreas Bahr und Christof Schmid haben scheinbar auch die Nase voll. Fürwahr ein Paukenschlag. Den Mediaagenturen kehrten in den letzten Jahren unzählige, erfahrene Top-Kräfte den Rücken. Aber warum?

Über die Beweggründe von Bahr und Schmid kann ich nicht spekulieren. Wohl aber habe ich die Herbst-Veranstaltungen dazu genutzt, um einige Kollegen, die CEO-Sessel in großen Mediaagenturen besetzen, mal bei einem Glas Rotwein zu befragen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Sie haben keine Lust mehr. Sie haben keine Lust mehr auf das alleinige Ziel der Profitmaximierung zu Lasten der Kundenbetreuung (und des Kundenvertrauens) und auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter. Mitarbeiter, die sie selbst ausgebildet und gefördert haben, aber augenblicklich zu entsorgen haben, wenn das Ergebnis mal nicht stimmt.

Ich kenne diese Kollegen teils sehr lange, teils sehr gut. Es sind gute Leute, die die Agenturmolochs schon seit Jahren verheizen. Der nächste Exodus ist also vorprogrammiert.

Mediaagenturen, einst ein Paradies für attraktive Beratungsarbeit, sind zu bösartigen Maschinen mutiert. Dinosaurier, die alles zermalmen, was sich ihnen in den Weg stellt: Menschen, Medien, Kunden. Das ist bitter. Und schreit nach einer Neuorientierung. Oder nach Alternativen. 2012 wird für die Mediaagenturen das Jahr der Entscheidung.

In den Kreativagenturen ist die Situation anders. Hier macht sich zunehmend Hilflosigkeit breit. Die Erlössituation wird immer dramatischer. Die Verträge, wenn es überhaupt noch welche gibt, immer weniger lukrativ. Aus strategischen Beratern und kreativen Dienstleistern werden tumbe Abspielstationen für Exekution. Crowdsourcing (http://de.wikipedia.org/wiki/Crowdsourcing[http://de.wikipedia.org/wiki/Crowdsourcing]) bedroht ihre kreative Hoheit. Das klingt überspitzt. Unter vier Augen formulieren es viele Agenturchefs weniger druckreif…

Die großen Kreativagenturen haben das Internet, ja die ganze Digitalisierung der Medienlandschaft verschlafen und an Spezialagenturen und Start-ups verloren. Und damit ihre multimediale Kompetenz. Eine Lösung des Problems ist in weite Ferne gerückt. Auch die einstigen Vorzeige-Kreativ-Schmieden machen Schlagzeilen höchstens noch mit Personalkatastrophen. Und neuerlich auch mit Büroschließungen: http://www.wuv.de/nachrichten/agenturen/mccann_erickson_gibt_die_standorte_fr...[http://www.wuv.de/nachrichten/agenturen/mccann_erickson_gibt_die_standorte_frankfurt_hamburg_und_muenchen_auf]. 2012 wird diese prekäre Situation weiter eskalieren lassen. 2012 schließen mehr Kreativagenturen als je zuvor.

Die Werbekunden kann ich an dieser Stelle nicht verschonen. Sie sagen nicht, was sie wollen. Noch schlimmer: Sie sprechen zu häufig anders als sie handeln. Sie zahlen nicht angemessen für gute Beratungsarbeit. (Oder warum traut sich niemand eine reine Mediaberatungs-Agentur zu starten?) Die wenigsten denken noch langfristig. Sie hören den Endverbrauchern kaum noch zu. Marketing und Kommunikation waren noch nie so weit davon entfernt, „Chefsache“ zu sein. Die Halbwertszeit fähiger Marketingchefs wird sich 2012 nochmals verkürzen.

Die Werbekunden sind selber schuld, dass ihnen die Mediaagenturen auf der Nase rumtanzen. Und ihre nicht enden wollenden Rabattforderungen drohen die Vielfalt und Einzigartigkeit einer Medienlandschaft zu zerstören, die sie für ihre Kommunikation dringend brauchen. Sie zersägen den Ast, auf dem sie sitzen. 2012 droht er abzubrechen. 2012 müssen sie umdenken.

Viele Medien stehen vor einem Rätsel. Viele schauten ungläubig auf ihre Umsätze des letzten Quartals. Was macht man mit einem unerwarteten Minus, das nicht mehr zu retten ist? Viele werden 2012 erneut den Rotstift ansetzen. Und wieder an der falschen Stelle, am Produkt, sparen. Statt wie Unternehmer zu investieren. Weil sie offenbar vergessen haben, welche Investitionen das künftige Überleben sichert. Ihr Markt findet hier statt, nicht in China. Juristen und Controller an der Spitze sind damit überfordert.

Wenn nicht sehr schnell wieder mehr Unternehmer-Typen, Journalisten und Medien-Kenner das Ruder übernehmen, werden Historiker das Jahr 2012 später einmal zu dem Jahr ernennen, in dem das Mediensterben in Deutschland begann. Sie werden vom Beginn des großen deutschen Printsterbens sprechen.

Angesichts dieser (Fehl-)Entwicklungen und der offensichtlichen Bedeutung des Jahres 2012 ist meine Anlehnung an Stanley Kubricks Sci-Fi-Klassiker in der Überschrift (http://www.youtube.com/watch?v=qfxP2Ct9aYs[http://www.youtube.com/watch?v=qfxP2Ct9aYs]) weder ironisch, noch zynisch gemeint. Sondern als Empfehlung. Die Vogel-Strauß-Taktik hat ausgedient. Wenn alle Marktpartner sich hinsetzen, nachdenken und zur Vernunft kommen, kann aus dem Jahr 2012 noch etwas werden.

Besser ist es, Kontakt zueinander aufzunehmen. Allerdings diesmal respektvoll und auf Augenhöhe. Und mit offenem Visier die Rollen und die Spielregeln neu zu definieren. Bevor uns das Jahr 2012 um die Ohren fliegt…